Rheinhessen hautnah: Reitausflug in die Geschichte zeigt Welt der einfachen Menschen

„Wann waren Sie das letzte Mal auf einem Mittelalter-Markt “, fragt Tom Landgraf. Grauweißer Wasserdampf steigt aus den Schafswoll-Wickeln, die der 43-Jährige, anstelle von Strümpfen, um Füße und Waden gebunden hat. Es sei erstaunlich, denn neben professionellen Händlern sind es vor allem „Edelleute“ und „Kriegsvolk“, die die zahllosen Märkte bevölkern. „Das Leben der normalen Menschen spielt für die meisten Besucher dieser Phantasiewelten überhaupt keine Rolle“, sagt Landgraf.

Dieser Alltag aber ist es, der es dem Industriemeister angetan hat: In zahllosen Stunden hatte sich der Dolgesheimer durch Archive und Bibliotheken seiner rheinhessischen Heimat gearbeitet. Herausgekommen ist ein umfassendes Bild der Entstehungs- und Kulturgeschichte, die der Freizeitforscher, Hobbyhistoriker, Wanderreitführer und Historiendarsteller interessierten Gästen bei Ausritten und Naturführungen hautnah vor Augen führt. Feuerzeuge und andere moderne Hilfsmittel sind bei solchen Ausflügen natürlich tabu.

„Die meisten Menschen in unserer Gegend waren bettelarm“, sagt Landgraf. Mit sattem Patschen fährt der hölzerne Schöpflöffel in den eisernen Kessel, der auf drei Füßen inmitten der Glut einer rund ein Meter langen Feuergrube steht. Als Landgraf die Kelle heraushebt klatscht ein Pudding artiger Eintopf unbestimmter Farbe in die hölzernen Schalen: „Über Nacht in Wasser gequollene Getreidekörner, frische Wiesenkräuter und Speck“, verrät der passionierte Jäger und fügt hinzu: „Den Speck müsst ihr euch einfach wegdenken“ – und auch das Getreide habe nicht an jedem Tag gereicht, damit die Menschen sich daran satt essen konnten.

Schon in römischer Zeit war das Leben der meisten Rheinhessen von Entbehrung geprägt. „Richtig dick“ aber war es für die Menschen zwischen Mainz, Alzey, Worms und Bingen, zu Zeiten Napoleons gekommen: Während Landgraf mit geschmiedeten Gabeln fünf duftenden Kartoffeln aus der Glutgrube angelt und rotgoldenes Bier in Zinnbechern die Runde macht, erzählt der Naturführer von dem neuen Rechtssystem, das der französische Kaiser seinen Landeskindern verordnet hatte.

„Der Code Napoléon brachte den Menschen nicht nur Vorteile“, erzählt Landgraf. Besonders schlimm hatte sich das Verbot ausgewirkt, Holz aus dem Wald zu holen: Was alltäglich klingt war für die Rheinhessen und Pfälzer jener Tage eine Katastrophe, denn die neuen Herren hatten nicht nur die Versorgung mit Brennholz untersagt: Seit Generationen hatten die Bauern ihr Vieh zur Eichelmast in den Wald getrieben. Die Einstreu der Ställe bestand aus gefallenem Laub, Häuser und Scheunen wurden mit Holz gebaut, Dächer wurden mit Schindeln und Reisig gedeckt, die Stecken der Kastanien geschnitten und als Rebstangen genutzt, Zäune und Körbe aus Weiden geflochten, erklärt der Naturführer. An Jagd und Fischfang war ohnehin nicht zu denken. Und auch das alte Erbsystem war aus den Fugen geraten. Das neue Recht hatte verordnet, dass – bei einem Sterbefall – das Land in gleichen Teilen unter allen Söhnen aufgeteilt werden musste. „Und so wurden die Flächen der Höfe kleiner und“, sagt Tom Landgraf mit dunkler Stimme , „die Not mit jedem gestorbenen Bauern größer“, bis das Land nicht mehr ausreichte, um die Familie zu ernähren.

Einen Ausweg boten die bislang kaum erschlossenen Regionen auf dem Gebiet von Kanada und den heutigen USA. Englische, französische und deutsche Handelsgesellschaften überboten sich mit Versprechungen, die deutsche Bauern und Handwerker in die Wildnis der neuen Kolonien locken sollten. „Bunte Zeichnungen gingen von Hand zu Hand“, erzählt Landgraf: In leuchtenden Farben zeigten diese Bilder goldene Weizenfelder, Kürbisse, so groß wie Wagenräder, stattliches Jagdwild und am Ende aller Strapazen lockte die Aussicht, dem Elend in der rheinhessischen Heimat und der Bevormundung durch die Behörden zu entkommen.

„Das war die Zeit der großen Auswanderungswellen“, sagt Landgraf: „Damals wurden in Rheinhessen ganze Dörfer entvölkert.“ Zwar merkten die Auswanderer bald, dass auch in Amerika die Bäume nicht in den Himmel wuchsen – aber viele haben die Chance genutzt und manche, sagt Landgraf mit einem Augenzwinkern – sind als reiche Männer zurück gekommen.

Inzwischen sind die Fußlappen getrocknet. Das Lager ist schnell abgebrochen. Kaum eine Spur bleibt von unserem Ausflug in die Geschichte Rheinhessens. Mit geübtem Blick kontrolliert Tom Landgraf Gepäck und die Pferde. Dann heißt es „Aufsitzen“, ganz so, wie sich vor 150 Jahren die rheinhessischen Auswanderer auf ihre Pferde geschwungen haben mussten, die ihr Glück in den Armeen des amerikanischen Bürgerkrieges versucht hatten. „Aber das“, verrät Tom Landgraf, „ist eine andere Geschichte.“ Bis dahin, verspreche ich mir, die Augen offen zu halten bei meinem nächsten Besuch auf einem Mittelaltermarkt: Irgendwo müssen sie doch sein, die Leibeigenen und Bauern, die einfachen Menschen aus früherer Zeit.

Kommentieren